Ukalgantukuu - Leseprobe Seite 2
Der Lichtschein des Feuers hatte ihnen schon aus der Ferne den Ort des Festes verraten. Und auch der appetitliche Duft von gegrilltem, frischem Fisch, der intensiver wurde, je näher sie kamen, bestätigte ihnen, auf dem richtigen Wege zu sein.

Der Chief stand auf, kam ihnen entgegen, als sie in den Schein der Flammen traten. Er begrüßte sie herzlich – so, wie man gute Freunde willkommen heißt und führte sie dann zu einer in einen Umhang gehüllten Gestalt, in dem Jörg – ohne das es ihm gesagt werden musste – den alten Schamanen vermutete. Ein dicker Baumstumpf, dem man durch Aushöhlen eine sesselartige Form gegeben hatte, diente jenem als erhöhte Sitzgelegenheit und betonte schon auf diese Weise – denn all die anderen saßen auf blanken Steinen oder unbehauenen Baumstämmen – die hervorgehobene Stellung des Alten.
Jörg spürte fast körperlich, wie die dunklen, warmen Robbenaugen des Schamanen auf seinem Gesicht ruhten, ja, sich seiner Seele zu bemächtigen schienen.
Komm zu mir, nur zu, keine Angst, schienen sie ihm mitzuteilen, ohne dass ein Wort gesagt wurde und er folgte dieser lautlosen Anweisung, indem er noch einen Schritt näher herantrat.
Der Alte öffnete seinen Mund und sprach ihn an – in einer ihm, Jörg, unbekannten Sprache. Freundliche Worte, wie es schien, die in einem leisen, singenden Tonfall vorgetragen wurden.
„Ukalgantukuu freut sich, dass ihr seiner Einladung gefolgt seid und bittet euch, an seiner Seite Platz zu nehmen“.
Der Chief, der die Unangan-Sprache seines Vaters ins Englische übersetzt hatte, wies auf einen dicken, entrindeten Treibholzstamm der sich neben dem Sitz des Alten befand.
„Mein Vater hat gesehen, dass ihr heute die großen Wale besucht habt und fühlt sich geehrt, dass ihr an diesem Tage auch seine Gäste sein wollt. Und er möchte, dass ich dir, Bruder des Wals, ausrichte, dass er sich bei dir noch mit einem besonderen Geschenk bedanken wird.“
„Bitte sage ihm, dass wir gerne gekommen sind und dass wir es sind, die sich geehrt fühlen. Und für sein Geschenk danke ich ihm schon jetzt.“ Und zu Ina gewandt, die sich an seiner Seite befand, fügte Jörg leise, mit fragender Stimme, hinzu: „Du hast ihnen von unserem Tauchabenteuer erzählt? Ja?“
„Mit keiner Silbe – das schwör’ ich dir! Aber ich habe es dir ja vorhin gesagt: Hier auf den Inseln gibt es so manches, für das ich keine Erklärung weiß. Doch nun komm, setzt dich. Ich hab’ Kohldampf.“
Eine Aufforderung, der Jörg nur zu gern folgte, da der Duft des Essens ihn daran erinnerte, dass er seit dem Morgen nichts Kräftigendes zwischen die Zähne bekommen hatte. Sie ließen sich an der Seite des Alten nieder und genossen die ihnen dargebotene Speise – saftige Stücke eines köstlichen, über der Glut gegrillten Fisches. Man schmeckte, dass er erst vor kurzem gefangen worden sein musste.
Was für ein Geschenk mochte es sein, dass ihm der Alte angekündigt hatte? Vielleicht ein Amulett, überlegte er. Oder ein geschnitzter Walzahn? Einige Natives sollen ja wahre Künstler in der Kunst des Schnitzens sein, hatte er gehört. Er war gespannt, womit der Alte ihn überraschen würde.