Dr. Takanaka - Leseprobe Seite 2
„Weg mit dem Kram. Schmeißen Sie nur alles runter, setzen Sie sich. Was möchten Sie trinken? Bier? Whisky? Wein?“
Jörg staunte. Der Empfang war freundlich, viel freundlicher als er es aufgrund seines Auftrages erwarten konnte – schließlich kam er sozusagen als Konkurrent.
„Ein Bier? Ja, das wäre nicht schlecht!“
Dr. Takanaka öffnete einen kleinen Kühlschrank auf der anderen Seite und entnahm ihm zwei braune Flaschen mit japanischen Etiketten.
„Cheers, my dear Mr. Jansen – und sicher denken auch Sie – wie die meisten aus dem Westen, dass wir Japaner unsere Forschung nur als Vorwand benutzen, um auch weiter Wale fangen und verkaufen zu können. Stimmt’s?“
Jörg war so verblüfft, dass es ihm für den Augenblick die Sprache verschlug. Verdammt noch mal – der Mann war direkt. Kam sofort zur Sache. Brachte die Dinge auf den Punkt. Alle Achtung! Das hatte er nicht erwartet. Schon gar nicht von einem Japaner. Von denen alle Welt annahm, dass sie vor lauter Höflichkeit erst einmal stundenlang über Gott und die Welt reden würden, um sich schließlich auf vielerlei Umwegen an das eigentliche Anliegen heranzupirschen.
„Okay, I am right – klar hab’ ich recht! Seh’ ich Ihnen doch an! Nichts für ungut. Ersparen wir uns also den smalltalk.“
Mit diesen Worten richtete Takanaka seine dunklen Augen auf seinen Besucher und prostete ihm zu.
Dieser hatte sich endlich gefasst und fand seine Sprache wieder, grinste sein Gegenüber an, sprach aus, was er gerade gedacht hatte:
„Alle Achtung Doc, das war Klartext! Aber es stimmt: So wie Sie die Dinge darstellen, denken wohl bei uns die meisten.“
„Gut, dann haben wir ja einen vernünftigen gemeinsamen Ausgangspunkt für unser Gespräch. Denn natürlich stimmt es, dass wir hier mit dem Ziel forschen, kommerziellen Walfang endlich wieder möglich zu machen. Bei uns. Und anderswo. Aber nicht als Vorwand, sondern um dafür handfeste Argumente zu sammeln“, er strahlte bei diesen Worten, als hätte Jörg ihm gerade ein Kompliment gemacht.
Dieser Mann gefällt mir, dachte Jörg. Klar, geradeaus, sachlich. Ohne Schnörkel. Wir werden gut miteinander auskommen, ja das werden wir.
„Okay, dann wollen wir mal gemeinsam versuchen, den Dingen auf den Grund zu gehen. Warum also, dear Mr. Jansen, haben die Menschen bei Ihnen im Westen eine so schlechte Meinung über uns und unsere Arbeit? Sagen Sie nichts…“, er machte eine abwehrende Handbewegung, als Jörg den Mund öffnete, um ihm eine Antwort zu geben und fuhr fort: „…die Dinge sind in Wahrheit viel, viel komplizierter, als es auf den ersten Blick erscheinen mag. Ein ganzes Bündel von Motiven, das sich dahinter versteckt. Gute, nachvollziehbare Gründe. Aber außerdem ein Berg, nein, ein wahrer Fudschijama an Emotionen. Womit wollen wir anfangen? Mit den vernünftigen?“