|
Noch glitzerten Wasserarme und spiegelten große feuchte Flächen in der prallen Mittagssonne, doch die dunklen Bereiche des Wattbodens vergrößerten sich von Minute zu Minute, während Jörg zusehen konnte, wie das Wasser verschwand und eine welligbraune Ebene zurückließ.
Weit und breit nichts als diese dunkelbraune Fläche. Unterbrochen von schmalen Wasseradern und breiten Prielen, die sich irgendwo in der Ferne vernetzten. An Backbord, der Seite, auf die sich sein Kutter gelegt hatte, war das Festland zu erahnen, jedoch viel zu weit entfernt, um Einzelheiten erkennen zu können.
Andere Boote, weder Segler noch Krabbenfischer, die sich sonst gerne in diesen Gewässern aufhielten, waren nicht zu sehen. Er war allein. Allein mit sich, der Sonne und dem weiten Watt. Allein zwischen Himmel und Erde. Er hatte zwar eine ungefähre Vorstellung, wo in etwa er sich befand im Nordseewatt, am Rande der Nationalparkzone, irgendwo zwischen Wremen und Mellum aber das war ihm letztlich egal, da es an seiner Situation ohnehin nichts änderte.
Sein alter Kutter, ein gut einundzwanzig Fuß langer, geklinkerter Holzrumpf mit einer winzigen Vorderkajüte und einem flachen Kiel, hatte sich schräg auf die Seite gelegt. Da sich der Kiel aber ein wenig in den Schlick des Wattbodens eingegraben hatte, war die Schräglage erträglich und durchaus nicht unbequem.
Nachdenklich wanderten seine Augen über das Watt, suchten auf der einen Seite das Land, auf der anderen den Horizont.
Mit Ausnahme einiger Schleierwolken, die sich von Nordwest nach Südost erstreckten, war der Himmel weißlichblau und wolkenlos.
Er hatte es sich in der Plicht bequem gemacht, sich ein blaues Segeltuchpolster zwischen den Rücken und die Bordwand geschoben, so dass ihn die Härte der Wand nicht störte. Seine Beine schauten schräg in die Höhe und fanden auf der Gegenseite sicheren Halt. Er lag im Halbschatten, gespendet durch das Gaffelsegel, das er an Steuerbord festgelegt hatte.
Aus der Kühltasche in der Kajüte hatte er sich eine der Flaschen seines Biervorrats geangelt, der in Hinblick auf einen langen Tagestörn dort seinen kühlen Platz gefunden hatte.
Nun genoss er die Stille und die Ruhe, die jetzt für etliche Stunden seine Begleiter sein würden.
Er hatte in letzter Zeit viel eigentlich zu viel, wie er meinte gearbeitet, da er sich noch in der Probezeit befand, mit der Aussicht auf eine lebenslange, gesicherte Position und Karriere als Wissenschaftler am Institut für Meereskunde in Cuxhaven. Er zweifelte zwar keine Sekunde lang an einem erfolgreichen Abschluss der Probezeit, hatte sich aber vorgenommen, gerade in der Anfangsphase einen besonders guten Eindruck auf Vorgesetzte und Kollegen zu machen.
|
|